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Stuhl

Ein Stuhl ist wie der Sessel ein Möbelstück zum Sitzen einer Person, meist an einem Tisch. Die Mehrzahl aller Stühle hat vier Beine, eine Sitzfläche mit einer Sitzhöhe von 42-48 cm und eine Lehne. Wegen der großen Bedeutung des Stuhls als Möbelstück ist eine Vielzahl an Varianten, auch als Designobjekte entstanden.

Der mit 27 m Höhe größte Stuhl der Welt steht seit 2004 in der Möbelstadt Lucena, Spanien.

Das Deutsche Stuhlbaumuseum befindet sich in Rabenau (Sachsen).

Die Anfänge des "Homo sedativus" liegen zirka achttausend Jahre zurück. Aus der Zeit um 5750 v. Chr. stammen einige, in Catal Hüyük in Südanatolien gefundene Tonstatuetten von Göttinnen, die (im Körperbau vergleichbar der Venus von Willendorf) eine Hockstellung einnehmen und so, als hockende Übermütter mit ausladenden, den Boden berührenden Hinterbacken, "das Verhältnis von Fruchtbarkeit und Kosmos" symbolisieren. Zugleich nehmen diese Göttinnen aufgrund ihrer mächtigen Leibesmitte (oft sind sie Schwangere oder Gebärende) eine Körperhaltung ein, die dem Sitzen ähnelt. Kommen noch zwei Löwen dazu, deren Köpfe Armstützen und deren Schweife eine Lehne abgeben, dann zeigt sich die Große Göttin als "Urbild" (Hajo Eickhoff) der ersten Throne. Von späteren Herrschern, ob Pharao, König oder Papst, unterscheidet sie ein Charakteristikum: "Sie hält sich in und durch sich selbst". Im alten Ägypten ließ man nur die Pharaonen thronen, was bedeutete: sie waren die einzigen im Land, die sitzen mußten, während es ansonsten üblich und bequem war, sich auf dem Boden niederzulassen. Die Rolle des sitzenden Pharaos oder Königs war ambivalent: Wer auf einem Thron zum Sitzen gebracht wird, befindet sich einerseits hoch über seinen Untertanen, die sich von ihm (seltener: ihr) befehlen lassen – die ihn aber im Gegenzug, sei es wegen anhaltender Dürre oder unablässigem Regen, auch wieder absetzen und töten können. Die Herrscherposition vereinigt Macht mit größter Abhängigkeit. Die weitere Verbreitung der Sitzhaltung vollzog sich, beginnenden mit den Thronen der Könige und Fürsten, an den Plätzen weltlicher und religiöser Macht, in Herrscherhäusern und Klöstern. In der Folge, etwa ab dem 16. Jahrhundert, wurde die Praxis des Sitzens vom erstarkenden Bürgertum übernommen. So gewönte man sich in Europa nicht nur an das Kulturgerät Stuhl, sondern auch an eine als "gesetzt" zu bezeichnende Denk- und Lebensweise. Querdenker wie den Philosophen Friedrich Nietzsche, der in der Tradition der altgriechischen Peripatetiker darauf bestand, im Gehen seine Ideen zu finden, mag es im Laufe dieser Tradition immer gegeben haben, auch Bohemiens oder Stehpultschreiber. Doch der (kleinere) Teil der bürgerlichen Erdbevölkerung, der sich für "zivilisiert" hält, hat sich seit Beginn der Neuzeit ans sitzen gewöhnt. Er hat sein rechtmäßig besetztes Eigentum im Bürgerlichen Gesetzbuch dreifach verankert und träumt davon, sich auf einer eigenen Immobilie zur Ruhe zu setzen. Stühle dienen folgerichtig auch als Statussymbol. Im Büro erkennen wir den Chefsessel sofort an Umfang, Größe, Exklusivität der Armlehnen, der suggerierten Aura von Schwere, Unverrückbarkeit usw. Charlie Chaplin nutzte diese Symbolik in seinem Film "Der große Diktator" anlässlich einer Begegnung zwischen Hitler und Mussolini, indem er jeden der beiden bestrebt sein ließ, höher als der andere zu sitzen. Als gälte es, die ägyptische Statik der Körper beim Sitzen unter Zuhilfenahme eines technischen Environments zu kompensieren, verbindet sich diese Sitzhaltung im Zeitalter des "rasenden Stillstandes" (Paul Virilio) mit äußerster Mobilität. Wer sich schnell fortbewegen will, nimmt Platz und verhält sich ruhig. Autos werden zu Rollstühlen, in denen man angeschnallt festsitzt und sich lediglich trauen darf, Hände und Füße zu rühren. Flugzeuge, Busse, Züge, Straßenbahnen: das Vorwärtskommen paart sich mit der Bedingung, möglichst starr auf engem Raum zu warten, bis das Ziel erreicht ist. Im Sitzen rauschen Landschaften vorbei, Straßen, Gassen oder Wolken, unwirklich wie ein Fernsehbild, das man ebenfalls (wie auch Internet und Cyberspace) im Sitzen konsumiert. Während anfänglich der Körper durch Stühle ruhig gehalten werden sollte, damit man sich auf geistige Inspirationen einstellten konnte, wird das Sitzen jetzt zur bodenfernen, kurzfristigen – doch überall angebotenen – Aufenthaltsmöglichkeit inmitten einer unbegreifbaren und ungreifbaren Welt.